Günstige, aber zeitintensive Zahnbehandlungen
Angebot für Patienten in den Studentenkursen der Universität Zürich
Günstige, aber zeitintensive Zahnbehandlungen
Angebot für Patienten in den Studentenkursen der Universität Zürich
Ob Wurzelbehandlung oder Zahnfleischproblem: Patienten können sich an der Universität Zürich von angehenden Zahnärzten behandeln lassen. Die Tarife sind tief, dafür dauern die Behandlungen länger. In gewissen Studentenkursen gibt es nicht genügend Patienten.
In zwei Räumen an der Plattenstrasse 11 in Zürich stehen auf zwei Etagen 44 Stationen, an denen Zähne gebohrt, gezogen und Löcher gefüllt werden. Die typischen Zahnarzt-Geräusche der Bohrer und Saugschläuche sind in der ganzen Klinik zu hören. In den einzelnen Boxen stehen jeweils zwei Personen in Weiss um den Zahnarztstuhl, auf dem ein Patient seinen Mund aufsperrt. Die Behandelnden sind angehende Zahnärzte, die in den Studentenkursen des Zentrums für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (ZZMK) der Universität Zürich an echten Patienten das Handwerk erlernen.
Bis zu viermal günstiger
Die Studenten sind im dritten, vierten oder fünften Jahr ihres Zahnmedizin-Studiums. Assistenzärzte machen die Runde, reden mit ihnen über die Techniken und überprüfen, dass keine Fehler passieren. Die Patienten seien keine Versuchskaninchen, sagt der 33-jährige Christian Ramel, einer der Kursleiter in den sechs Kliniken. Sie erhielten unter der Leitung ausgebildeter Zahnärzte eine seriöse Behandlung, mit denselben Resultaten wie bei einem privaten Zahnarzt.
Unterschiede gibt es dennoch. Der Patient merkt dies vor allem im Portemonnaie: Er zahlt stark reduzierte Preise, teilweise die Hälfte oder gar nur einen Viertel der branchenüblichen Tarife. Privatzahnärzte im Raum Zürich verrechnen laut Ramel in der Regel Taxpunkte in der Höhe von 3 Franken 50 bis 3 Franken 90. Das ZZMK rechnet mit 3 Franken 10. Dieser Wert gilt für die Leistungen der Assistenten, das heisst der ausgebildeten Zahnärzte. «Fast gratis ist hingegen die Zeit der Studenten», sagt Ramel. Für die Leistungen der angehenden Zahnärzte werden noch 75 Prozent vom Taxpunkt abgezogen. Wer beispielsweise mit einem grossen Loch im Zahn in die Behandlung kommt, zahlt dafür rund 80 Franken. Beim Privatzahnarzt kostet diese Leistung um 300 Franken, wie Ramel vergleicht.
Wenn Labors oder externe Zahntechniker beigezogen werden, gibt es keine Preisverbilligungen. In manchen Abteilungen des ZZMK bezahlt der Patient eine Pauschale für die gesamte Behandlungszeit. In der Klinik für Kronen- und Brückenprothetik und Teilprothetik, in der Ramel als Kursleiter und Oberassistent arbeitet, werden 2000 Franken pro Jahr verrechnet. Die Kosten für Material und Laborarbeiten eingerechnet, kann eine Totalsanierung auf rund 15 000 Franken zu stehen kommen; das ist die Hälfte des branchenüblichen Preises.
Sich Zeit nehmen dürfen
Die Patienten erhalten tiefere Rechnungen, müssen aber mit deutlich längeren Behandlungszeiten rechnen. Das liegt daran, dass die angehenden Zahnärzte noch langsam arbeiten und dass jede Behandlung im Team besprochen wird. Die Studenten erstellen eine Diagnose und schlagen dem Assistenten, dem Kursleiter und dem Professor vor, was sie unternehmen würden. Im Gespräch werden dann die weiteren Schritte festgelegt. So vergehen zum Beispiel rund vier Stunden, bis eine Füllung eingesetzt ist, während in einer Privatpraxis dafür eine Stunde gebraucht wird. Einige Patienten, die sich bei einer Totalsanierung eine grosse sogenannte festsitzende Versorgung einsetzen lassen, kommen während rund zehn Monaten zweimal wöchentlich je vier Stunden zur Behandlung. Das ergibt 150 bis 200 Stunden, ebenfalls rund viermal mehr als in einer Privatpraxis.
Dass der Faktor Zeit ein Hindernis sei, relativiert der 31-jährige Daniel Zweifel, der nach einem Medizinstudium im fünften Jahr Zahnmedizin studiert. «Die Patienten müssen sich zwar mehr Zeit nehmen», sagt er, «wir dagegen dürfen uns mehr Zeit nehmen.» So falle im ZZMK die Behandlung weniger hektisch aus. Das sei auch im Interesse mancher Patienten, die sich in Ruhe behandeln lassen möchten, ohne ständig die Uhr ticken zu hören und damit die Kosten steigen zu sehen. Der Vorbehalt, dass die Studenten inkompetent seien, treffe nicht zu. Alle Techniken seien in den ersten Semestern am Phantomkopf eingehend geübt worden, und ein Assistenzarzt sei immer zur Stelle, sagt Zweifel.
Nicht genügend Patienten
Eine Anmeldung ist nicht nötig. Wer sich zu den Öffnungszeiten im Haupteingang meldet, spricht zuerst mit einem Assistenzarzt. Dieser weist den Patienten in einen Kurs ein oder verweist ihn an andere Institutionen. Patienten werden in Studentenkursen behandelt, sofern ihre Probleme gewissen Anforderungen entsprechen. Die Studenten müssten daraus lernen können, sagt Ramel, das ZZMK sei primär eine Lern- und Forschungsanstalt. Auch deshalb habe er Mühe, für einzelne Studentenkurse genügend Patienten zu finden. Rar seien zum Beispiel Fälle von Zahnfleischproblemen. Derzeit zählen alle Studentenkurse zusammen rund 200 Patienten. Jeweils zwei Studenten behandeln einen Patienten. Bei den Patienten handle es sich tendenziell um ältere Leute oder Studenten, sagt Ramel. Diese Bevölkerungsgruppen könnten mehr Zeit einsetzen als vollzeitlich angestellte Arbeitnehmer.
Als einen Vorteil erachten viele Patienten, dass die angehenden Zahnärzte am Puls der Forschung sind und modernste Techniken, Geräte und Methoden verwenden. Statt Amalgam- werden Kunststofffüllungen verwendet, Kronen und Brücken können aus Vollkeramik statt aus einem Goldgerüst und weisser Verkleidung bestehen. Füllungen und Brückengerüste werden mit CAD- Software am Computer gestaltet und an Ort und Stelle gefräst. Der Computer kommt auch für digitales Röntgen zum Einsatz. Das ZZMK hat sechs Kliniken. Behandelt werden unter anderem Zahnfleischprobleme, Kaufunktionsstörungen, Zahnfehlstellungen, Zahnunfälle und Behinderungen. Füllungen gehören ebenso ins Spektrum wie Implantate, Brücken, Wurzelbehandlungen oder das Ziehen von Weisheitszähnen.
Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Universität Zürich, Plattenstrasse 11, Zürich, Telefon 044 634 33 11, Internet www.dent.unizh.ch. Ohne Anmeldung werktags von 7:30 bis 9:30 Uhr (Stand 30.11.2009). Es wird verlangt, dass man Fr. 500.-- mitnimmt, auch wenn es weniger kostet. Sofortbehandlungen müssen sofort bezahlt werden.
Quellennachweis: 16. Februar 2007, Neue Zürcher Zeitung